Wir Babyboomer waren Nestflüchter. Das Zuhause unserer Kindheit empfanden wir oft als einengend, fade, arm an Herausforderungen und entfremdet. Das eigene Leben sollte mehr Glanz bereithalten, spannender sein und eher in die entgegengesetzte Richtung gelebt werden. Dass sich das später im Leben nicht immer als gute Idee herausstellte, ist etwas anderes. Damals erschien der Auszug von Zuhause als notwendiger Befreiungsschlag. Allerspätestens mit 20 gingen die meisten von uns eigene Wege.

Nun sind unsere eigenen Kinder in dieser Lebensphase. Oft klappt der Übergang reibungslos. Unsere liebsten Menschen breiten ihre Flüge aus, um das heimische Nest zu verlassen und machen sich auf den Weg in ihre Welt. Das erfüllt uns das mit Stolz und Glück, vielleicht auch mit einem Hauch von Traurigkeit.

Was aber, wenn die Kinder sich nicht in die Freiheit bewegen, sondern tatenlos auf dem Bett vor sich hindämmern ohne Ziel und Kraft? Jeder von uns kennt ja das Schreckensszenario im Haus von Tante Ilsebilse, die mit ihrem 50jährigen Büberl in stummer Eintracht zusammen lebt oder gemeinsam mit den beiden altjüngferlichen Zwillingstöchtern das Leben vorbeirauschen lässt. Das will natürlich keiner. Aber schließlich: wir Babyboomer verstehen uns oft gut mit unseren Kindern. Wir sind jung im Kopf, WG-erprobt, Teamworker und entspannt. Unsere Töchter und Söhne haben bei uns alles, was sie brauchen und mit uns ein bequemes und einigermaßen unkompliziertes Leben. Für alles ist gesorgt.

Also was tun, wenn die Kinder nicht den Schritt in den Selbstständigkeit gehen und man selbst auch nicht gerade Weltmeister im Loslassen ist?

Sie tapfer weiter alimentieren? Oder die Sache als ihre Privatangelegenheit sehen und sich raushalten? Den Ball also auf ihrer Seite lassen und bei aufkommenden Problemen nur fragen: “Interessantes Problem, wie willst Du das jetzt lösen?”. Oder müssen wir wirklich den drastischen Schritt gehen, die Umzugsfirma anrufen und sie hinaus schubsen?

Welche Strategie hilft oder was das Richtige ist, ist umstritten. Klar ist, wir müssen uns damit beschäftigen, dass so viele Heranwachsende das Nest nicht mehr selbstverständlich verlassen.